Die Rückseite eines Kosmetikprodukts verrät viel mehr als die Vorderseite. Die Liste der Bestandteile (INCI) ist nach Menge sortiert, das Wort „Parfum“ bedeutet, dass das Produkt Duftstoffe enthält, und das Symbol des offenen Tiegels mit einer Zahl (zum Beispiel „12M“) sagt Ihnen, wie viele Monate Sie nach dem Öffnen Zeit haben, es aufzubrauchen. Wörter wie „natürlich“ oder „clean“ sind keine Zertifizierung. Für die Angaben „hypoallergen“, „dermatologisch getestet“ und „frei von …“ gelten in der EU bestimmte Regeln, aber keine davon garantiert, dass Sie nicht reagieren.
Was muss laut Gesetz auf der Verpackung stehen?
Die EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 (Artikel 19) legt fest, was jedes in der EU verkaufte Produkt in unverwischbarer, gut lesbarer Schrift tragen muss:
- Name und Anschrift der verantwortlichen Person, also des Unternehmens, das für das Produkt einsteht. Bei importierten Produkten auch das Ursprungsland.
- Nenninhalt in ml oder g.
- Mindesthaltbarkeitsdatum oder Haltbarkeit nach dem Öffnen (siehe unten).
- Besondere Vorsichtsmaßnahmen für den Gebrauch, wo nötig.
- Chargennummer, damit sich das Produkt zurückverfolgen lässt, wenn etwas schiefgeht.
- Verwendungszweck des Produkts, sofern er nicht offensichtlich ist.
- Liste der Bestandteile, mit dem vorangestellten Wort „Ingredients“.
Wie lese ich die Liste der Bestandteile (INCI)?
Die Bestandteile werden mit internationalen INCI-Bezeichnungen angegeben, meist auf Englisch oder Latein. Drei Regeln aus der Verordnung helfen beim Lesen:
1. Die Reihenfolge zeigt die Menge. Die Bestandteile stehen in absteigender Reihenfolge ihres Gewichts zum Zeitpunkt der Zugabe. Alles, was unter 1 % liegt, darf danach in beliebiger Reihenfolge stehen. Bei den meisten Cremes ist der erste Bestandteil Wasser (Aqua). Wenn eine Marke sagt, ihre Creme basiere auf Milch statt Wasser, sollte die Milch zuerst stehen. Und wenn ein „Extrakt“, der vorne abgebildet ist, erst am Ende der Liste auftaucht, ist wahrscheinlich nicht viel davon drin.
2. „Parfum“ oder „Aroma“ bedeutet Duftstoff. Jede Mischung aus Duftstoffen wird mit diesem einen Wort angegeben. Bestimmte Duftstoffe, die häufig Allergien auslösen, etwa Linalool, Limonene, Geraniol, Citronellol und Coumarin, müssen ab einer festgelegten Menge zusätzlich namentlich genannt werden. Deshalb sieht man sie oft am Ende der Liste. Mehr dazu in unserem Artikel über Feuchtigkeitscreme für empfindliche Haut.
3. Farbstoffe und Nanomaterialien. Farbstoffe werden mit ihrer CI-Nummer angegeben (zum Beispiel CI 77891) und dürfen in beliebiger Reihenfolge am Ende stehen. Auf einen Bestandteil in Form eines Nanomaterials muss das Wort [nano] folgen.
Was bedeutet das Symbol des offenen Tiegels?
Die Verordnung unterscheidet zwei Fälle:
- Ist das Produkt 30 Monate oder kürzer haltbar, muss es ein Mindesthaltbarkeitsdatum tragen: Monat und Jahr, nach den Worten „Mindestens haltbar bis“ oder einem Sanduhr-Symbol.
- Ist es länger als 30 Monate haltbar, ist das Datum nicht vorgeschrieben. Stattdessen zeigt das Produkt die Haltbarkeit nach dem Öffnen (PAO, period after opening): einen offenen Tiegel mit einer Zahl und „M“ für Monate, etwa 6M, 12M oder 24M. So lange ist das Produkt nach dem ersten Öffnen sicher verwendbar.
Ein einfacher Trick: Schreiben Sie den Monat, in dem Sie das Produkt geöffnet haben, mit einem Stift auf die Schachtel oder den Deckel. Die Chargennummer (meist „LOT“ oder „Batch“) ist kein Datum, aber genau danach fragt das Unternehmen, wenn Sie etwas reklamieren.
„Natürlich“, „bio“ und Zertifizierungen
Die Kosmetikverordnung definiert „natürlich“ nicht. Für sich allein ist das Wort, wie „clean“ oder „green“, Marketing. Wenn Sie etwas Verlässlicheres suchen, achten Sie auf ein Zertifizierungszeichen. Es bedeutet, dass eine unabhängige Stelle das Produkt anhand eines Standards geprüft hat:
- COSMOS: ein internationaler Standard, getragen von einem gemeinnützigen Verband mit Sitz in Brüssel. Gründer sind BDIH, Cosmebio, Ecocert, ICEA und die Soil Association. Es gibt zwei Kennzeichnungen: COSMOS ORGANIC (erfüllt die im Standard festgelegten Mindestanteile an Bio-Zutaten) und COSMOS NATURAL (erfüllt den Standard, aber nicht die Bio-Anteile). Die Kennzeichnung steht unter dem Logo der Stelle, die das Produkt zertifiziert hat, und auf der Verpackung ist außerdem der Anteil der Bio-Zutaten angegeben.
- Ecocert: eine Zertifizierungsstelle. Auf vielen Produkten sehen Sie ihr Logo zusammen mit einer COSMOS-Kennzeichnung.
- NATRUE: das Siegel eines internationalen Verbands für Natur- und Biokosmetik, mit unabhängigen Zertifizierern.
Ein einzelner Bio-Bestandteil (in der Liste oft mit einem Sternchen markiert) macht noch nicht das ganze Produkt zu einem Bio-Produkt.
So sieht ein klares Etikett aus: Die vollständige Liste ist auch online einsehbar, Bio-Bestandteile tragen ein Sternchen, es gibt einen Hinweis auf den COSMOS-Standard, und nach „Parfum“ werden Citronellol, Geraniol, Limonene und Linalool einzeln aufgeführt. Ein anderer Fall, der Ihnen begegnen kann: eine Handcreme, deren erster Bestandteil Ziegenmilch ist und nicht Wasser. Dann sollte das auch zur Produktbeschreibung passen. Prüfen Sie auch hier, ob nach „Parfum“ Duftstoffe aufgeführt sind.
„Dermatologisch getestet“, „hypoallergen“, „frei von“: Welche Regeln gelten?
In der EU muss jede Werbeaussage auf einem kosmetischen Mittel sechs gemeinsame Kriterien der Verordnung (EU) Nr. 655/2013 der Kommission erfüllen: Einhaltung der Rechtsvorschriften, Wahrheitstreue, Belegbarkeit, Redlichkeit, Lauterkeit und fundierte Entscheidungsfindung. Ein technisches Dokument, auf das sich Kommission und Mitgliedstaaten geeinigt haben, erklärt, wie diese anzuwenden sind. Es ist kein Gesetz, aber die Behörden nutzen es als Leitfaden, und seine Teile zu „frei von“ und „hypoallergen“ gelten seit dem 1. Juli 2019.
„Dermatologisch getestet“. Das bedeutet, dass das Produkt unter Aufsicht einer Hautärztin oder eines Hautarztes an Menschen getestet wurde. Eine Umfrage, bei der Anwender nur ihre Meinung abgeben, reicht nicht. Der Gerichtshof der EU hat festgestellt, dass Verbraucher erwarten, dass die Ergebnisse positiv waren. Wie viele Personen teilgenommen haben und wie lange, erfahren Sie daraus nicht.
„Hypoallergen“. Das ist nur zulässig, wenn das Produkt so entwickelt wurde, dass sein Allergiepotenzial möglichst gering ist, und es keine bekannten Allergene enthält. Dasselbe Dokument betont, dass „hypoallergen“ nicht garantiert, dass Sie nicht reagieren.
„Frei von …“. Einige Beispiele aus dem Dokument:
- Ein Produkt sollte nicht damit werben, „frei von“ einem Stoff zu sein, der in Kosmetik ohnehin verboten ist.
- „Ohne Konservierungsstoffe“ sollte nicht verwendet werden, wenn ein anderer Bestandteil dieselbe Aufgabe übernimmt, etwa Alkohol.
- „Ohne Parfum“ sollte nicht verwendet werden, wenn irgendein Bestandteil dem Produkt einen Duft verleiht, auch wenn er noch eine andere Funktion hat.
- „Ohne Parabene“ gilt als Herabsetzung von Stoffen, die zugelassen und sicher sind, und sollte nicht akzeptiert werden.
- „Frei von Allergenen“ ist nicht zulässig, weil das niemand garantieren kann.
Manche dieser Formulierungen sehen Sie trotzdem noch in den Regalen. Die Liste der Bestandteile bleibt die verlässlichste Quelle.
Schneller Check am Regal
- Was ist der erste Bestandteil? Ist es das, was Sie erwartet haben?
- Steht „Parfum“ oder ein ätherisches Öl auf der Liste, und welche Allergene folgen danach?
- Gibt es ein Zertifizierungszeichen (COSMOS, NATRUE) oder nur das Wort „natürlich“?
- Welche Zahl steht im offenen Tiegel (PAO)? Haben Sie notiert, wann Sie das Produkt geöffnet haben?
- Steht „hypoallergen“ darauf: Haben Sie es zuerst an einer kleinen Stelle ausprobiert?
Wann Sie in der Apotheke oder beim Hautarzt nachfragen sollten
Wenn ein Produkt Rötung, Juckreiz, Schwellung oder Ausschlag verursacht hat, verwenden Sie es nicht mehr und heben Sie die Verpackung auf: Die Liste der Bestandteile und die Chargennummer helfen Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Wenn Sie häufig auf Kosmetik reagieren, kann eine Hautärztin oder ein Hautarzt einen Epikutantest machen, um herauszufinden, auf welchen Stoff Sie allergisch sind. Dann wissen Sie, nach welchem Namen Sie auf Etiketten suchen müssen.
Häufige Fragen
Die vollständige Liste steht oft nur auf der Schachtel. Was, wenn ich sie weggeworfen habe?
Die Verordnung erlaubt, dass die Liste nur auf der äußeren Verpackung steht. Bewahren Sie die Schachtel auf, solange Sie das Produkt verwenden, oder fotografieren Sie die Liste.
Ist ein Produkt nach Ablauf des Datums oder der PAO-Frist noch sicher?
Die Verordnung definiert das Datum als den Zeitraum, in dem das Produkt seine Funktion erfüllt und sicher bleibt. Danach gibt es keine Garantie. Wenn sich Geruch, Farbe oder Konsistenz verändert haben, werfen Sie es weg.
Bedeutet „ohne Chemie“ irgendetwas?
Nein. Jeder Bestandteil, auch Wasser, ist ein chemischer Stoff. Es ist eine Marketingformel ohne praktische Bedeutung.
Quellen: Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel (Artikel 19 und 20, Anhang VII), Verordnung (EU) Nr. 655/2013 der Kommission (gemeinsame Kriterien für Werbeaussagen), Technical document on cosmetic claims (Fassung vom 3. Juli 2017, Anhänge I bis IV), COSMOS-standard AISBL, COSMOS certification, NATRUE.
